Thomas von Cantimpré ›Liber de naturis rerum‹

Kritische Ausgabe der Redaktion III (Thomas III) eines Anonymus

Hg. von Benedikt Konrad Vollmann Ergänzt und für den Druck eingerichtet Janine Déus und Rudolf Kilian Weigand, mit einem Beitrag zur Überlieferung von Helgard Ulmschneider

Book cover: Thomas von Cantimpré ›Liber de naturis rerum‹

Extent: 688 pages

Publisher: Dr. Ludwig Reichert Verlag

Subjects: Medieval Studies

Series: Wissensliteratur im Mittelalter

Series volume number: 54.1

Language: German

(Hardback) (Published)

(September 2017)

ISBN: 9783954902538

Price: $165.00

Out of stock

(PDF) (Published)

(January 2017)

ISBN: 9783954906161

Price: $138.00

Auf der Grundlage der Enzyklopädie „Liber de natura rerum“ des Dominikaners Thomas von Cantimpré wurde im 13. Jahrhundert von einem anonymen Redaktor die sog. ‘Thomas-III’-Version gefertigt. Aus Interesse an den Naturdingen selbst hat er das vorgefundene Material exzerpiert, neu aufbereitet und in 20 Bücher mit eigenwilliger Abfolge umarrangiert. Die Fülle der überlieferten Handschriften seiner Bearbeitung dokumentiert das außerordentlich große mittelalterliche Interesse an dieser Form von Naturkunde, die nicht mehr vorwiegend geistlich orientiert war. <br/>Der Band bietet eine rekonstruierende Textedition, ergänzt durch textkritisch-stemmatologische Ausführungen und ausführliche Handschriftenbeschreibungen.<br/>


Unter der Bezeichnung ‘Thomas III’ lauft eine um 1250 verfasste und vor allem im bayerisch-osterreichischen Raum verbreitete Naturkunde-Enzyklopadie in lateinischer Sprache. Das Werk basiert auf den Fassungen von ‘De natura rerum’ des Thomas von Cantimpre (ca. 1201 – ca. 1270) und stellt sich als dritte neben seine authentischen Redaktionen (‘Thomas I’, ‘Thomas II’; ed. Helmut Boese 1973), ohne von Thomas selbst zu sein. ‘Thomas III’ wahlt aus Thomas I-II aus, fugt Material aus weiteren Quellen hinzu, arrangiert die Buchanordnung um und modifiziert den Text. Die Summe dieser Eingriffe vermittelt den Eindruck lebhaften Interesses an naturkundlichem Wissen und gibt – im Zusammenspiel mit der Erforschung der Handschriftenbesitzer – Aufschluss uber die Rezipienten des Werks. Hinsichtlich der Naturkunde belegt ‘Thomas III’ einen Mentalitatswandel: die ‘Neugier’ richtet sich auf die Dinge selbst und betrachtet nicht – wie noch im 12. Jahrhundert – Naturgegenstande vorwiegend als Ausgangsmaterial fur geistliche Deutung. Diese neue Sicht auf die Natur ist ahnlich in den grossen Enzyklopadien des 13. Jahrhunderts (Thomas I-II, Bartholomaus Anglicus, Vincenz von Beauvais) greifbar, von denen ‘Thomas III’ der Benutzerkreis unterscheidet. Die Leser der erstgenannten sind Universitatsgelehrte, die von ‘Thomas III’ der Klerus in vielfaltigen Abstufungen – vom Kardinal uber Klostergeistliche (dominant) bis zum Weltgeistlichen -, wie auch – in bescheidenerem Umfang – Laien, hier v.a. vom Humanismus gepragte prominente Mediziner, wie Helgard Ulmschneider in der Analyse des Handschriftenbestands herausarbeitet. Damit hat das neue Bewusstsein die intellektuelle ‘middle class’ erreicht, die dann ihr Weltinteresse und Wissen in Ubersetzungen an ein Laienpublikum weitergibt. Diese Beobachtungen sind ein wichtiger Beitrag zur Bildungsgeschichte des Spatmittelalters. Fur literaturtheoretische Fragestellungen erlaubt es die Ausgabe, die Sequenz der Redaktionen, die unterschiedliche Intentionalitat der Redaktoren, das Spiel von Vorlagentreue und Varianz zu verfolgen. Der fur Veranderungen freigegebene mittelalterliche Fachtext wird dabei keineswegs ‘autorlos’. Er zeigt sich vielmehr als Produkt einer Mehrzahl von Autoren, deren jeweilige Eigenart erkennbar und bestimmbar ist. Die Entstehungsanalyse dieses Komplexes und ahnlich gelagerter Falle liefert Argumente in der Diskussion, ob und in wieweit der Verzicht auf den Autorbegriff fur das Verstandnis mittelalterlicher Texte hilfreich sein kann. Bei der Wirkungsgeschichte von Thomas III tritt neben die enorme Verbreitung auch vielfaltige literarische Rezeption. Beispielhaft sei auf die erste Naturenzyklopadie in deutscher Sprache, Konrads von Megenberg ‘Buch der Natur’ verwiesen. Er folgt Thomas III als Hauptquelle oft so genau, dass sich bestimmen lasst, welche Redaktion er im jeweiligen Kapitel heranzieht. Fur die Beurteilung der Eigenleistung Konrads (und anderer volkssprachiger Rezipienten) ist ‘Thomas III’ in der nun vorliegenden Ausgabe unverzichtbar.

  • Edited by Benedikt Konrad Vollmann (†)
  • Revised by Janine Déus
  • Revised by Rudolf Kilian Weigand

„Cette édition satisfait un desideratum de longue date. [...] [N]ous ne pouvons que féliciter les responsables du travail accompli. Nous sommes d’avis que Vollmann, décédé en 2012, aurait été satisfait du présent résultat et que cette édition ne fait qu’accroitre son renom dans le monde scientifique, visée que Déus et Weigand expriment explicitement dans leur préface.“<br/><br/>Von: M. Schmitz<br/>Aus: Scriptorium 2018-2, p. 170-172 (Bulletin Codicologique)<br/><br/>-------------------------------<br/><br/>„Mit seiner Edition haben sich Vollmann und sei [sic] Team, unter anderem Angelika Strauß und Helgard Ulmschneider, später Janine Deus und Rudolf Weigand, der von Vollmann 2012 die Leitung übernahm, große Meriten erworben.“<br/><br/>Von Walter Buckl<br/>