Das Kometenjahr 1618

Antikes und zeitgenossisches Wissen in der fruhneuzeitlichen Kometenliteratur des deutschsprachigen Raumes

by Marion Gindhart

Book cover: Das Kometenjahr 1618

Extent: 336 pages

Publisher: Dr. Ludwig Reichert Verlag

Subjects: Literary Studies, Medieval Studies

Series: Wissensliteratur im Mittelalter

Series volume number: 44

Language: German

(Hardback) (Published)

(September 2006)

ISBN: 9783895004872

Price: $102.00

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Seit dem Altertum erfahren Kometen eine vielfaltige Rezeption, die teilweise von starken Traditionslinien dominiert wird. Diese Studie untersucht exemplarisch fur das Jahr 1618, in dem drei Kometen erschienen, den Umgang mit den geschwentzten Sternen in zeitgenossischen Druckschriften aus dem deutschsprachigen Raum. Anhand eingehender Analysen bisher unerschlossener volkssprachiger und lateinischer Texte und ihrer Verortung in traditionellen und zeitgenossischen Diskursen wird gezeigt, welche Wissensmodelle und Wissensinhalte die fruhneuzeitliche Kometenliteratur in Auseinandersetzung mit der Antike entwickelt, funktionalisiert und – in bewussten Bruchen mit der Tradition – neu zu etablieren versucht. Die Kometen (insbesondere der breit wahrgenommene Winterkomet 1618/19) konnen dabei je nach Kontext in ganz unterschiedlicher Weise erklart und instrumentalisiert werden – etwa als gottliche Zornzeichen und Signale im konfessionellen Kampf, als Mittel politischer Propaganda oder als wissenschaftliche Beweise fur das heliozentrische System.

  • By (author) Marion Gindhart

"Review - German Neue Kometen - bose ProphetenMarion Gindharts exemplarische Studie zum Wissenstransfer in der Fruhen NeuzeitVon Dieter MartinAls der Komet ""Hale-Bopp"" im Winter 1996/97 zu beobachten war, rief dies nicht nur Wissenschaftler, sondern auch Scharlatane auf den Plan. Ein solcher erkannte nahe beim Kern des Kometen ein UFO - dieses lange erwartete Signal veranlasste die kalifornische Sekte ""Heaven's Gate"", sich auf den Weg ins All zu machen. Schwarz gekleidet, mit genugend Dollars und neuen Turnschuhen ausgestattet, verubte man einen medienwirksamen Gruppensuizid, um von den Ausserirdischen mitgenommen zu werden.So skurril diese Episode wirkt, so wenig isoliert steht sie in der aufschlussreichen Kulturgeschichte der Kometenwahrnehmung. Angsteinflossende Boulevard-Berichte zur ""Deep Impact""-Mission des Jahres 2005, bei der man den Kometen ""Temple 1"" beschoss, um die Zusammensetzung des Kometenkerns zu erkunden, liessen sich ebenso anfuhren wie Panikmeldungen der 1950er-Jahre: organisches Material im Kometenschweif schien die Welt mit einer Grippepandemie zu bedrohen. Als 1910 wieder einmal der Halley'sche Komet nahte, furchtete man, die jungst entdeckten Zyan-Banden seines Schweifs konnten die Menschheit mit Blausaure vergiften, und malte sich das nahende ""Weltende"" so intensiv aus, dass Jakob van Hoddis in seinem gleichnamigen Gedicht die apokalyptischen Visionen der Spiessburger trefflich persiflieren konnte.Diese Streiflichter zeigen nicht nur, dass Kometen bis in die Gegenwart zu den spektakularsten Himmelsphanomenen zahlen und noch heute eine bemerkenswerte Mischung von Furcht und Faszination erregen. Erkennbar wird auch, dass die enorme Zunahme des Wissens uber Kometen keineswegs dazu gefuhrt hat, die Angst vollig zu bannen oder den Kometen ihre Qualitat als Projektionsflache fur Irrationalismen aller Art ganzlich zu nehmen. Fast mochte man sagen: Im Gegenteil. Denn die immer wieder aktualisierte Furcht, die Erde konne mit einem Kometen kollidieren und dabei ernstlichen Schaden nehmen, entstand uberhaupt erst, als gegen Ende des 17. Jahrhunderts Isaac Newton, Edmond Halley und William Whiston die entscheidenden Einsichten hatten und in den Kometen der Gravitation unterworfene Himmelskorper erkannten. Whiston ,erklarte' etwa die Sintflut physikalisch mit dem nahen Vorbeiflug eines Kometen.Bevor die fernrohrbewehrten ""New Sciences"" die Himmelskorper - ohne sie ganz zu entzaubern - berechenbar machten, sahen die meisten Menschen in ihnen Himmelszeichen, die Gott zur Ankundigung von Strafen und als Mahnung zur Busse am Firmament aufgesteckt habe. Doch dass es in der Fruhen Neuzeit keinen einfachen und rapiden Wechsel von einem vorwissenschaftlich-(aber)glaubischen zu einem wissenschaftlich-aufgeklarten Verstandnis der Kometenerscheinungen gab, belegt in eindruckvoller Weise die quellenreiche Augsburger Dissertation von Marion Gindhart.Nach einer kenntnisreichen Einleitung, in der die wesentlichen antiken Deutungen des Phanonems und deren modifizierte Tradierung im christlichen Mittelalter referiert werden, begrundet Gindhart ihr Vorgehen: Statt im diachronen Aufriss die mehr oder weniger bekannten Entwicklungslinien der Kometendeutung kursorisch nachzuzeichnen, analysiert sie intensiv einen synchronen Schnitt, namlich alle aus dem deutschsprachigen Raum stammenden Kometenschriften des historischen Krisenjahres 1618, das zwei kleinere und einen spektakularen Kometen erlebte. Dieser Zugriff ist nicht allein deshalb sinnvoll und erkenntnisfordernd, weil er einen prazisen Blick in die einzelnen Schriften ermoglicht, sondern auch, weil er eine differenzierende Analyse der kometografischen ,Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen' gestattet.Um Ordnung in das Geflecht der uber hundert Drucke zum Kometenjahr 1618 zu bringen, unterscheidet Gindhart vier wesentliche Kontexte, an denen die Schriften partizipieren: Erstens einen dominierenden theologischen Kontext, dessen insgesamt vorrangig sozialdisziplinierende Funktion kaum in Frage steht, einen astrologischen Kontext, der das Himmelszeichen nachgerade systematischen Deutungsverfahren unterwirft, und einen historisch-argumentativen Kontext, der aktuelle Kometen in eine Sequenz fruherer ,Artgenossen' einreiht, um im Analogieschluss auch die erwartbaren Negativfolgen gegenwartiger Kometen zu beglaubigen. Und ferner einen naturkundlichen Kontext, der am Phanomen des Kometen ,altes' und ,neues' Wissen miteinander konfrontiert.Jeden dieser Kontexte kann Gindhart nicht nur reich belegen, sondern anhand einzelner Schriften auch entscheidend ausdifferenzieren. So zeigt sich, dass gedruckte Kometenpredigten mehr sind als nur ein Medium des sozialsteuernden Diskurses. Neben stereotypen Bussappellen bieten einige von ihnen auch einen Kosmos des zeitgenossischen Kometenwissens. Andere funktionalisieren die Himmelserscheinung fur konfessionspolemische Propaganda bis hin etwa zu einer ""antipapstlichen Treibjagd in den Sternen"", oder nutzen die Kometen zu apokalytischen Zahlenspekulationen, um sich selbst in den Rang eines chiliastischen Propheten zu erheben.Wie sehr gerade die routinierte bis spielerisch-virtuose Handhabung astrologischer Deutungsverfahren den Gesetzen des fruhneuzeitlichen Medienmarktes gehorchte, kann Gindhart trefflich an David Herlitz' ""Prodromus"" demonstrieren, einem wahren ,Bestseller' unter den Kometenflugschriften von 1618. Anschaulich zeigt sie zudem, mit welchen Strategien sich Skeptiker, die in der Nachfolge von Julius Caesar Scaliger jede eindeutige Kometen-Prognose in Zweifel zogen, auf dem Markt zu behaupten suchten. Friedrich Grick erteilte etwa dem Kometen in einer Art literarischer Gerichtsverhandlung selbst das Wort, damit er sich gegen seine Vereinnahmung verwahre. In neues Licht geraten vor diesen Hintergrunden auch die Kometenschriften des Johannes Kepler, der Auswuchse astrologischer Deutungswut beschneidet, um ihre (seiner Meinung nach) tragfahigen Aste wissenschaftlich zu beglaubigen.Auf diese - hier nur knapp anzudeutende - Weise macht Gindhart am historischen Material sichtbar, welch grossen Funktionsspielraum eine nur vermeintlich von Stereotypen beherrschte Textsorte hat und wie sehr das Kometenschrifttum des fruhen 17. Jahrhunderts von einem Neben- und Ineinander der Diskurse gepragt ist. Mit besonderer Verve beschreibt sie dies am fruhneuzeitlichen Umgang mit antiken Wissensbestanden. Dienten die historischen Kometenberichte aus dem Altertum vorrangig der autoritativen Beglaubigung, so musste die auf Aristoteles zuruckgehende Erklarung der Himmelskorper als sublunar-meteorologische Dampfgebilde zunehmend in Widerspruch zu modernen Observationsergebnissen geraten. Der Spannung zwischen ""altem"" und ""neuem"" Wissen begegnen die Kometenschriften durch integrative Strategien, die im Grunde unvereinbare Modelle zu harmonisieren suchen. Mit ihrer Analyse einer enormen Diskursvielfalt und -verflechtung, die sich auf andere fruhneuzeitliche Wissensbereiche ubertragen lasst, in denen Tradition und Empirie in Konflikt miteinander geraten mussten, bereichert Marion Gindhart unsere diskursgeschichtliche Kenntnis der Fruhen Neuzeit auf gleichermassen gelehrte wie gut lesbare Weise. Langere lateinische Zitate sind ubersetzt, ein Register erlaubt den raschen Zugriff. Alles in allem eine mustergultige Studie zum Wissenstransfer in der Fruhen Neuzeit. in: literaturkritik.de Nr. 10 (Oktober) 2007http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_i