Das Buch und die vier Ecken der Welt

Von der Hülle der Thorarolle zum Deckel des Evangeliencodex

By (author) Thomas Rainer

Book cover: Das Buch und die vier Ecken der Welt

Extent: 356 pages

Publisher: Dr. Ludwig Reichert Verlag

Subjects: Classical Studies

Series: Spätantike – Frühes Christentum – Byzanz

Language: German

Hardback (Published)

(April 2011)

ISBN: 9783895007095

8.86 x 12.4 inches

Price: $147.00

In stock

PDF (Published)

(January 2011)

ISBN: 9783954908530

Price: $123.00

Ein englisches Sprichwort warnt: »Don’t judge a book by its cover.« Auf den Einband richten sich noch vor dem Öffnen die Blicke der Leser, die sich seinem Eindruck nur schwer entziehen. Ausgehend von der berühmtesten Bücherhülle der Spätantike, die die Langobardenkönigin Theodelinda um 600 der Basilika San Giovanni in Monza stiftete, gelingt es dem Autor, die Voraussetzungen der Entstehung des spätantiken Prachteinbands in der christlichen Auseinandersetzung mit der Verwahrung der heiligen Schriften im Judentum zu bestimmen.


English summary: Starting with a detailed iconographic analysis of the four angles (gammadia) placed in the four corners of the book covers gifted by the Lombard queen Theodelinda to the basilica San Giovanni in Monza (ca. 600 a. D.) the study tries to reconstruct the historical process that led to the development of the book cover as a mirror of its content in early Christian art and established the four gospel codex as a medium representing the world. Special attention is paid to the relationship of Jewish and Christian book casing thereby taking account of the different types of books, scroll or codex, used in each religion for the writings of Holy Scripture. The development of the codex starting from low esteem in classical antiquity to highest regard as an object representing the world in late antique Christianity is told by the different images of the biblical books in art: at first scrolls enclosed in a bookcase, later open codices and at last closed codices. Parallels between these images and the use of gospel codices in a liturgical setting, especially a ceremony preparing for baptism called Expositio Evangeliorum, explain the change in the representation of the gospel from open book to closed codex. The book cover of the codex thereby functioned in a similar way to the doors of the shrine used to enclose the scrolls of the torah. In an epilogue the continuing interest in the iconography studied by the analysis of the Monza book covers is shown by a close look at the architecture of the new national library in Paris designed by Dominique Perrault. German description: Ausgangspunkt der Arbeit ist eine genaue ikonographische Analyse der als Gammadiae bezeichneten, winkelformigen Motive in den vier Ecken der Buchdeckel, die die Langobardenkonigin Theodelinda um 600 an die Basilika San Giovanni in Monza stiftete. Anhand dieses Motivs wird der Prozess rekonstruiert, der in der fruhchristlichen Kunst den Buchdeckel zum Spiegel des Buchinhalts werden liess und den Vierevangeliencodex als ein Abbild der Welt inszenierte. Besondere Berucksichtigung findet dabei das Verhaltnis von judischer und christlicher Buchverwahrung. Es entwickelte sich vor dem Hintergrund der unterschiedlichen Buchformen, Rolle und Codex, die in den beiden Religionen zur Aufzeichnung der heiligen Schriften praferiert wurden. Der Weg des Codex von einer in der klassischen Antike als minderwertig angesehenen Buchform zum Reprasentationsobjekt im spatantiken Christentum wird anhand bildlicher Darstellungen der biblischen Bucher nachgezeichnet. Erscheinen diese im judischen Kontext in der Regel in der Form von Rollen im Thoraschrank an einem festen Ort innerhalb der Synagoge, versetzt sie das Christentum in Mobilitat. Biblische Schriften werden als Rollen in einem Tragebehalter, der Capsa, zu Fussen des lehrenden Christus gezeigt, der selbst einen geoffneten, spater auch geschlossenen Codex als Zeugnis seines Evangeliums in Handen halt. Parallelen im liturgischen Zeremoniell, insbesondere der im Rahmen der Taufe vollzogene Ritus der Expositio Evangeliorum, erklaren die Entwicklung der Reprasentation des Evangeliums von einem zunachst stets geoffnet prasentierten Buch zum geschlossenen Codex. Dessen Buchdeckel konnte zunehmend die Funktion der Turen des Thoraschranks ubernehmen. Die kosmologische Deutung der damit gleichgesetzten Bundeslade wurde auf den christlichen Buchdeckel ubertragen, der sich als ein Medium etablierte, das zwischen Offen und Geschlossen, zwischen Bild und Wort vermittelt und gleichermassen die Welt wie die heilige Schrift reprasentiert. Wie pragend dieses ikonographische Konzept fur das abendlandische Schriftverstandnis wurde, zeigt der Epilog der Arbeit, der eine Brucke vom spatantiken Buchdeckel bis zu der von Dominique Perrault entworfenen Architektur der neuen Nationalbibliothek in Paris schlagt. Die Untersuchung erweist sich damit als fundamentaler Beitrag zur Debatte um die “Lesbarkeit der Welt”, eine Debatte, die angesichts des Entstehens allumfassender digitaler Bibliotheken gerade in Bezug auf die materielle Form des Buches hochste Aktualitat besitzt.

  • By (author) Thomas Rainer

„Die Darstellung bleibt nicht in der formalen Thematik stehen, sondern bietet immer wieder theologische Interpretationen. Das macht das gelehrte Werk auch für die Liturgiewissenschaftler interessant, weil die Bedeutung des geöffneten Codex, immer wieder thematisiert wird. (...) Die thematische Fortschreibung des „Buch"-Themas besitzt also Aktualität.“<br/><br/>Von: Angelus Häußling<br/><br/>In: Archiv für Literaturwissenschaft <br/>--------------------------------------<br/>„Die Arbeit ist eine - durch Indizes leider nicht weiter erschlossene - Fundgrube für alle, die an Kunstgeschichte Bibelwissenschaft, Kirchengcschichte, Theologie und Bibliothekswesen interessiert sind.“<br/><br/>Von: Joef M. Oesch<br/><br/>In: Zeitschrift für katholische Theologie, Band 135, 2013,Heft 4, S.446-447.<br/>--------------------------------------<br/>„Thomas Rainer kann aufzeigen, dass dabei die Verzierung mit den winkelförmigen Motiven an den vier Ecken der Deckel, eine große Rolle spielte. So wurde er zum Spiegel des Buchinhalts und inszenierte den Vierevangeliencodex zu einem Abbild der Welt. (...) <br/>Spannend ist vor allem der Epilog der Dissertation, der eine Brücke zur Bibliothèque nationale de France in Paris schlägt, die von Dominique Perrault gleichsam über einem Grundriss in Form der Buchhülle mit Gammadiae errichtet wurde und daher zum Nachdenken über die „Lesbarkeit der Welt“ anregt.“<br/><br/>I. Siede<br/><br/>In: Bulletin codicologique. 2012, 1. S. 94-95.<br/><br/>--------------------------------------<br/><br/>„Druck und Reproduktionen sind vorzüglich. Eine großartige Arbeit. Faszinierend auch für uns Bücherfreunde ist, daß und wie der Autor eine Brücke vom spätantiken Buchdeckel und vom Mantel der Thorarolle zur Architektur der neuen französischen Nationalbibliothek schlägt: „das mittelalterliche Weiterleben der Bibliothek als Scrinium oder Capsa des kultisch verehrten Buches“ (S. 217). Die vorliegende Untersuchung ist ein wichtiger Beitrag über die „Lesbarkeit der Welt“ im Sinne der gleichnamigen Veröffentlichungen von Hans Blumenberg (1979) und Uwe Timm (2009).“<br/><br/>Dieter Schmidmaier<br/><br/>In: Marginalien. 206 (2012) 2. S. 96-97.