Versuche zu einer Soziologie des Wissens.
(Schriften des Forschungsinstituts für Sozialwissenschaften in Köln, Band II).
Edited by Max Scheler
Paperback (Published)
(July 2013)
ISBN: 9783428161195
6.18 x 9.17 inches
Price: $203.00
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Der Sammelband »Versuche einer Soziologie des Wissens« wurde vom Kölner Forschungsinstitut für Sozialwissenschaften, Abteilung Soziologie in Auftrag gegeben. Unter den Beiträgern finden sich zahlreiche namhafte Soziologen wie etwa Paul Luchtenberg oder Paul L. Landsberg. An eine ausführliche Einleitung des Herausgebers und damaligen Leiters des Instituts Max Scheler schließt sich der Teil »Formale Wissenssoziologie und Erkenntnistheorie« an. Die Themen, die in diesem Teil behandelt werden, reichen von »Übertragungsformen des Wissens« bis zu »Soziologie der Jurisprudenz«. Der abschließende Teil ist mit »Materiale Wissenssoziologie« überschrieben und behandelt geschichtliche Typen wissenschaftlicher Kooperation, etwa die Soziologie der Scholastik oder der Mystik.
»Philosoph, * 22.8.1874 München, † 19.5.1928 Frankfurt/Main, begraben Köln, Südfriedhof. (jüdisch, seit 1900 katholisch)
S. stand in seiner Jugend unter dem Einfluß der streng orthodox-jüd. Mutter, doch schon während seiner Zeit am Ludwigsgymnasium in München näherte er sich dem kath. Glauben an. Da sein Vater aus pragmatischen Gründen zum jüd. Glauben konvertiert war, lebte er in einer Atmosphäre religiöser und weltanschaulicher Konfrontationen, die ihn auch sozialistische und darwinistische Ideen aufnehmen ließ. S. studierte seit 1894 in München, seit 1895 in Berlin Medizin, nahm aber v.a. an philosophischen Lehrveranstaltungen teil, u.a. bei Theodor Lipps, Wilhelm Dilthey und Georg Simmel. 1896 wechselte er zum Philosophiestudium nach Jena und wurde 1897 bei Eucken (1846–1926) promoviert (Btrr. z. Feststellung d. Beziehungen zw. d. log. u. eth. Prinzipien, 1899). In den folgenden beiden Jahren arbeitete er, zeitweilig an der Univ. Heidelberg bei Heinrich Rickert (1863–1936), eine erkenntnistheoretische Untersuchung aus, mit der er sich 1899 in Jena habilitierte (Die transzendentale u. d. psycholog. Methode, 1900, 1922). Wegen skandalträchtiger Streitigkeiten mit seiner Frau mußte S. sich 1905 von der Univ. Jena beurlauben lassen. Nach der Umhabilitierung an die Univ. München im nächsten Jahr trat er mit Lipps’ Schülerkreis in Verbindung, der sich der Weiterbildung der durch Edmund Husserls (1859–1938) ›Logische Untersuchungen‹ (1900/01) initiierten phänomenologischen Philosophie widmete. Seiner persönlichen Begegnung mit Husserl 1902 schrieb S. wesentliche Impulse zu. sich vom Neuidealismus seines Lehrers Eucken ab- und der Phänomenologie zuzuwenden.
In den Münchner Jahren arbeitete S. v.a. an phänomenologisch inspirierten, aber unabhängig von Husserl entwickelten erkenntnistheoretischen und ethischen Schriften. In einem weithin öffentlich diskutierten Prozeß wurden ihm, der inzwischen als Lehrer der Ethik bekannt geworden war, sittliche Verfehlungen (u.a. Ehebruch) nachgewiesen, woraufhin er 1910 von der Univ. München entlassen wurde und als philosophischer Schriftsteller und unabhängiger Dozent nach Berlin ging. Hier verfaßte er phänomenologische Schriften, die ihn in kurzer Zeit neben Husserl zum führenden Phänomenologen machten (Mithg. v. Husserls ›Jb. f. Philos. u. phänomenolog. Forsch.‹ 1913–28). Auf frühere Entwürfe greift sein im ›Jahrbuch‹ erschienenes Hauptwerk ›Der Formalismus in der Ethik und die materiale Wertethik‹ (2 Bde., 1913/16, 2000) zurück, in dem er gegen Kant eine Neubegründung der Ethik auf|wertphilosophischen Grundlagen entwickelte. Das Werk besteht aus sechs Untersuchungen, die von erkenntnistheoretischen und methodologischen bis zu ethischen, allgemein wertphilosophischen und sozialphilosophischen Problemen reichen. Trotz seiner unzusammenhängenden und unabgeschlossenen Darstellungsform sollte es eine systematisch aufgebaute Ethik vorbereiten, die S. aber nicht ausarbeitete.
Nationalistische Töne, die seine Veröffentlichungen nach dem Ausbruch des Kriegs 1914 bestimmten, wichen seit 1916 dem Einsatz für eine europ. Friedensordnung im Geiste des an der kath. Kirche orientierten Solidaritätsprinzips (Krieg u. Aufbau, 1916). Über das Kriegsende hinaus galt S. als prominenter Vertreter einer Wiederbelebung der dt. und europ. Kultur aus dem kath. Glauben. Deshalb setzte sich der Oberbürgermeister der Stadt Köln, Konrad Adenauer, erfolgreich für eine Berufung S.s als o. Professor für Philosophie und Soziologie an die sozialwissenschaftliche Fakultät der neugegründeten Univ. Köln ein (1919); S. wurde zugleich Mitdirektor des Kölner Forschungsinstituts für Sozialwissenschaften. In den Kölner Jahren veröffentlichte S. religionsphilosophische Untersuchungen (Vom Ewigen im Menschen, 1921, 2000), die nachhaltig auf die kath. Theologie und die Erörterung interkonfessioneller Probleme einwirkten. In seinem auf eine Studie von 1913 zurückgehenden Buch ›Wesen und Formen der Sympathie‹ (1923, 1973) entwickelte er in kritischer Auseinandersetzung u.a. mit Freud eine Naturphilosophie des psychischen Lebens, die zugleich die Voraussetzungen für die Sozialphilosophie klären sollte. Im Zuge der Überarbeitung von Artikeln, die er während des Weltkriegs verfaßt und unter dem an Nietzsche erinnernden Titel ›Vom Umsturz der Werte‹ (2 Bde., 1919, 1972) vorgelegt hatte, distanzierte er sich 1923 öffentlich von der kath. Kirche, was seine Stellung in Köln stark erschütterte.
In ›Die Wissensformen und die Gesellschaft‹ (1926) arbeitete S. an der Grundlegung einer kritischen Weltanschauungslehre und Kulturphilosophie. Mit der darin enthaltenen Abhandlung über ›Probleme einer Soziologie des Wissens‹ gilt er als Begründer einer philosophisch fundierten Erkenntnissoziologie. Die ehemaligen religionsphilosophischen Ideen wandelten sich in den Kölner Jahren zu einer im Geiste Spinozas und des späten Schelling konzipierten Metaphysik des absoluten ›Ens a se‹, das sich in dieser Welt in den beiden Grundprinzipien von Leben und Geist manifestiert. Auf diesen metaphysischen und geschichtsphilosophischen Grundlagen skizzierte er in seinem Vortrag ›Die Stellung des Menschen im Kosmos‹ (1928, 1998) eine philosophische Anthropologie, wonach der Mensch und die Menschheit die aktive Vermittlung der im Absoluten auseinandergetretenen Prinzipien Leben und Geist und damit das Werden der Gottheit herbeiführen. Somit nimmt die Anthropologie in seinem sich zunehmend systematisch zusammenschließenden und vereinheitlichenden Lebenswerk eine Schlüsselstellung ein. S. war überzeugt, daß sich die Menschheit in einer geschichtsphilosophischen Periode befinde, deren Aufgabe in einem alle Arten von weltanschaulichen, kulturellen, ökonomischen, biologischen Gegensätzlichkeiten erfassenden ›Ausgleich‹ bestehe, der in solidarischem Einvernehmen zwischen Welt, Mensch und Gottheit herbeigeführt werde. Der Rundfunkvortrag ›Philosophische Weltanschauung‹ (1928) bildet die letzte Zusammenfassung dieser Ideen und damit das Testament, das er nach seinem Tod – bald nach der Berufung an die Univ. Frankfurt (Sommersemester 1928) – hinterließ. Obwohl S. nur wenige Schüler hatte (u.a. Paul Ludwig Landsberg, Hans-Eduard Hengstenberg), übte sein philosophisches Werk eine starke, anregende Wirkung v.a. in der phänomenologischen Philosophie, Wertphilosophie, Religionsphilosophie, Anthropologie sowie Wissens- und Kultursoziologie in Europa und den USA aus. – Max-Scheler-Ges. (seit 1993).«
Henckmann, Wolfhart, in: Neue Deutsche Biographie 22 (2005), S. 644–646
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