Karl Barth Gesamtausgabe
Band 27: Predigten 1915
edited by Anton Drewes
1915 zeigen sich bei Barth erste deutliche Spuren der Abkehr von den liberalen Anfangen und der Hinwendung zu jener Theologie, die dann in den beiden Auslegungen des Romerbriefs allmahlich ihre Gestalt gewinnt. Die nahezu allsonntagliche Predigt des Safenwiler Pfarrers ist Schauplatz einer Theologie im Werden. Die sorgfaltig ausgearbeiteten Niederschriften der Predigten sind das unmittelbarste und ausfuhrlichste Zeugnis der Entwicklung ihres Autors. Die beiden bisher in der Gesamtausgabe erschienenen Predigt-Jahrgange 1913 und 1914 dokumentieren noch mehr oder weniger ungebrochen den Schulsack: die begierig, wenn auch eigenstandig ubernommene Theologie, die Barth bei seinem Marburger Lehrer Wilhelm Herrmann gelernt hatte. Dazu kam vom Sommer 1914 an sein Ringen um eine angemessene Interpretation des Weltkriegs. Mit dem Jahr 1915 brechen sich, noch sporadisch und zogernd, neue Einsichten Bahn. Eine handfeste Bezogenheit auf den Alltag des Dorfs ist unvermindert spurbar, die Herausforderung durch den Krieg bleibt weiterhin auf der Tagesordnung, tritt aber deutlich zuruck. Die Auslegung des biblischen Texts ist noch nicht Barths zentrales homiletisches Anliegen. Aber in manchen Zugen, so etwa in der jetzt ofters verwendeten Rede vom lebendigen Gott (Hermann Kutter) ist die Suche nach einer fundamental neuen Orientierung spurbar. So sind die Predigten dieses Jahres neben ihrer erfrischenden Lebens- und Gemeindenahe mit gelegentlich sehr temperamentvoll-kritischen Ausbruchen ein theologiegeschichtliches Dokument von Rang. Nur eine einzige von allen Predigten dieses Jahrgangs wurde bisher gedruckt, ihre vollstandige Veroffentlichung schliesst eine Lucke. Karl Barth (1886-1968) studierte Theologie in Bern, Berlin, Tubingen, Marburg und war von 1909 bis 1921 Pfarrer in Genf und Safenwil. Mit seiner Auslegung des Romerbriefes (1919, 1922) begann eine neue Epoche der evangelischen Theologie. Dieses radikale Buch trug ihm einen Ruf als Honorarprofessor nach Gottingen ein, spater wurde er Ordinarius in Munster und Bonn. Er war Mitherausgeber von Zwischen den Zeiten (1923-1933), der Zeitschrift der Dialektischen Theologie. Karl Barth war der Autor der Barmer Theologischen Erklarung und Kopf des Widerstands gegen die Gleichschaltung der Kirchen durch den Nationalsozialismus. 1935 wurde Barth von der Bonner Universitat wegen Verweigerung des bedingungslosen Fuhrereids entlassen. Er bekam sofort eine Professur in Basel, blieb aber mit der Bekennenden Kirche in enger Verbindung. Sein Hauptwerk, Die Kirchliche Dogmatik, ist die bedeutendste systematisch-theologische Leistung des 20. Jahrhunderts.
- Edited by Anton Drewes
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