Die Evangelienharmonie Tatian
Studien zum Codex Sangallensis 56
By (author) Gerald Kapfhammer
Hardback (Published)
(February 2016)
ISBN: 9783954901470
6.69 x 9.49 inches
Price: $182.00
In stock
Die St. Galler Handschrift 56 stellt in mehrfacher Hinsicht eine Besonderheit dar: Sie überliefert mit der harmonisierten Form der vier kanonischen Evangelien einen Text zum Leben Jesu, den es aus theologischer Sicht so gar nicht geben dürfte, und präsentiert diesen zugleich in einer aufwendig gestalteten lateinisch-althochdeutschen Bilingue. Die vorliegende Arbeit unternimmt eine Neubewertung der Konzeption dieser Handschrift, indem überlieferungsgeschichtliche, kodikologische und sprachwissenschaftliche Aspekte mit einer eingehenden Analyse zur Erzählweise der Harmonie verbunden werden.<br/>
Die Handschrift 56 der Stiftsbibliothek St. Gallen aus dem 9. Jahrhundert enthalt mit dem sogenannten Althochdeutschen Tatian eine nach ihrem angenommenen Verfasser benannte Harmonie der vier getrennten Evangelien in einer lateinischen und einer althochdeutschen Fassung. Sowohl die Textgattung als auch die Darbietung des Textes in einer Bilingue stellen eine Besonderheit dar. Wahrend die vier kanonischen Evangelien Leben, Tod und Auferstehung Jesu aus einer je eigenen Perspektive darstellen und dadurch eigene Akzentuierungen aufweisen, versucht die Gattung Evangelienharmonie die vier getrennten Evangelien zu einem einheitlichen, wenn moglich widerspruchsfreien Text zu verbinden. Wahrend im 2. Jahrhundert, also zur Entstehungszeit des Tatian, dieses Bemuhen in den Diskurs um die Glaubwurdigkeit der christlichen Kirche verortet werden kann, ist dies fur das 9. Jahrhundert, zu einer Zeit als die Debatten um die Kanonizitat der Evangelien langst abgeschlossen sind, kaum mehr moglich. Insofern bleibt die Frage, worin das spezifische Interesse bestand, diesen Text nach der Vorlage des Codex Bonifatianus 1 (Hochschul- und Landesbibliothek Fulda) in praziser Weise zu kopieren und mit einer althochdeutschen Ubersetzung zu versehen. Bislang findetsich in der altgermanistischen Literaturgeschichtsschreibung vorzugsweise das Argument, dass die Harmonie mit ihrer vermeintlich einfacheren Darstellungsweise eine besonders gut geeignete Textgattung fur die Katechese sei, wobei die althochdeutsche Ubersetzung zugleich die Brucke fur den nicht lateinisch gebildeten Leser leisten sollte. In der hier vorgenommenen Untersuchung der Handschrift wird diese Zuschreibung hinterfragt. Dabei wird die Handschrift aus unterschiedlichen Blickwinkeln untersucht. Der Titel “Studien zum Tatian” spiegelt dies insofern wider, da bislang eher nebeneinander behandelte Aspekte wie Uberlieferungsgeschichte, kodikologische Aspekte, Ubersetzungsweise und die Art der Erzahlung miteinander verbunden werden. Hierbei zeigt sich, dass die Handschrift nicht nur ein ausserst anspruchsvolles Produkt karolingischer Schriftkultur ist, sondern zugleich einen Text bietet, der alles andere als einfach ist: In der spezifischen Kombinatorik und Anordnung von Textpassagen zeigt die Harmonie einen durchdachten Aufbau mit einer bewusst gesetzten theologischen Akzentuierung. Darauf scheint die Ubersetzung zu reagieren, zudem zeigt sie sich bei aller Gebundenheit an das Lateinische an zahlreichen Stellen durchaus eigenstandig und frei. Bei der Betrachtung dieser Ergebnisse entzieht sich die St. Galler Tatianbilingue daher einer einfachen Zweckbestimmung; ihr Sinn liegt moglicherweise darin, dass hier Formen und Ausdrucksweisen in experimenteller Weise gesucht wurden.
Gerald Kapfhammer<br/>geboren 1972,<br/>1992: Abitur<br/>2004: Erste Staatsprüfung für Lehrämter am Gymnasium in den Fächern Deutsch und Katholische Religionslehre<br/>2000-2004: Studentische und wissenschaftliche Hilfskraft am Lehrstuhl für Ältere deutsche Sprache und Literatur, Prof. Dr. Hans-Joachim Ziegeler, Universität zu Köln<br/>2005-2008: Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Sonderforschungsbereich 427/ Kulturwissenschaftlichen Forschungskolleg „Medien und kulturelle Kommunikation“ (Universitäten Aachen, Köln und Bonn) im Teilprojekt „Popularisierung von Literatur und Sichtbarmachung des Unsichtbaren – ‘Tod’, ‘Seele’ und ‘Jenseits’ in Bilderzyklen und Texten der Frühen Neuzeit“, Leitung: Prof. Dr. Hans-Joachim Ziegeler; Dissertation „Die Rezeption der Evangelienharmonie im Althochdeutschen: Studien zum Codex Sangallensis 56“<br/>2009-2011: Referendar am Studienseminar für Lehrämter an Schulen – Leverkusen<br/>seit 2011: Lehrer für Deutsch und Katholische Religionslehre am Geschwister-Scholl-Gymnasium in Pulheim (bei Köln)<br/><br/>Forschungsschwerpunkte:<br/>Geistliche Literatur des Mittelalters<br/>Schrift- und Lesekultur der Vormoderne<br/>Mediale Differenzen: Handschrift und früher Buchdruck <br/>Text-Bild-Relationen in Drucken der Frühen Neuzeit<br/>
- By (author) Gerald Kapfhammer
„In Summa bleibt [...] festzuhalten, dass hier eine gwissenhaft gefertigte und vor allem gut lesbare Arbeit völlig zu Recht ihren würdigen Platz in der Tatianforschung einnehmen wird. Mit seinem traditionellen und und handschriftennahen Ansatz tritt Kapfhammer wie Tatian selbst in gewisser Weise als Kompilator auf, denn auch dort, wo es der Arbeit an Innovationsbestreben und neuen Perspektiven fehlt, fügt er in kohärenter und überzeugender Manier prominente Lehrmeinungen und auch so manche vernachlässigte periphere Fragestellung sinnstiftend zusammen, mehr beschreibend als ermittelnd, wodurch aber dem Leser ein in sich stimmiges Bild der Evangelienharmonie mit all ihren Schwächen und Stärken gezeichnet wird.“<br/><br/>Von: Fabian Fleißner<br/>In: Beiträge zur Geschichte der Deutschen Sprache und Literatur, 139 (2017), Heft 4, S. 609-613.<br/>----------------------------------------------<br/>„Die [...] eindrucksvolle, ertragreiche, sorgfältig gearbeitete und mit einem umfangreichen Literaturverzeichnis und synoptischen Tabellen schließende Arbeit wurde vom Verlag sehr solide und hochwertig ausgestattet. Sie liest sich stellenweise wie eine Summa der Tatian-Forschung. Dass sie konsequent den Versuch unternimmt, die frühe deutsche Literatur nicht nur als Materialfundus für sprachhistorische Erkundungen zu benutzen, sondern diesen tastenden Versuch volkssprachlicher Schriftlichkeit eine - wenn auch primär katechetisch motivierte - gestalterische und erzählerische Ambition zuzutrauen und dies auch am Text nachzuweisen, ist unbestreitbar ihr größtes Verdients.“<br/><br/>Von: Heiko Hartmann (HTWK Leipzig)<br/><br/>In: Mediaevistik 29 (2016), S. 409-411.
—
Other Titles in this Series
Herzog Friedrich von der Normandie
Der altschwedische Ritterroman »Hertig Fredrik av Normandie«. Text, Übersetzung, Untersuchungen
Identität und Maske
Die Aneignung des Anderen in Bearbeitungen des Tristanstoffes im 12. und 13. Jahrhundert
Ars belli
Deutsche taktische und kriegstechnische Bilderhandschriften und Traktate im 15. und 16. Jahrhundert
Das Andachtsbüchlein aus der Sammlung Bouhier
(Montpellier, Bibliothèque Universitaire Historique de Médecine, H 396) Studie und kommentierte Edition
»Ludwigslied«, »De Heinrico«, »Annolied«
Die deutschen Zeitdichtungen des Frühmittelalters im Spiegel ihrer wissenschaftlichen Rezeption und Erforschung
Das »Nibelungenlied« und »Das Buch des Dede Korkut« – Sprachwissenschaftliche Aspekte
Beiträge zum ersten interkulturellen Symposion in Baku, Aserbaidschan, 2009
Die Lanze und die Feder
Untersuchungen zum »Livre du Chevalier errant« von Thomas III., Markgraf von Saluzzo
Deutsche Messübersetzungen des Spätmittelalters
Untersuchungen auf der Grundlage ausgewählter Handschriften und vorreformatorischer Drucke
Anleitung Schießpulver zu bereiten, Büchsen zu beladen und zu beschießen
Eine kriegstechnische Bilderhandschrift im cgm 600 der Bayerischen Staatsbibliothek München
Würzburg, der Große Löwenhof und die deutsche Literatur des Spätmittelalters
Tagung vom 9. bis 12. Oktober 2002
Jenseits der Dichotomie von Text und Bild
Verfahren der Veranschaulichung und Verlebendigung in Mittelalter und Früher Neuzeit
Similar Books
«Solazoxa festa, stradolze e stracomplia»
Festschrift für Raymund Wilhelm zum 65. Geburtstag mit Beiträgen zu Diskurstraditionen und mittelalterlicher Philologie
Volume 249
A Collaborative Tapestry in Honour of Shirley Ann Brown / Une fresque brodée en l’honneur de Shirley Ann Brown
The Bayeux Tapestry Seen by her Colleagues and Friends / La Tapisserie de Bayeux vue par ses collègues et amis
Apocrypha, Magic, Liturgy
The Multiple Identities of Coptic Prayers in Late Antique and Early Islamic Egypt
Athanasius of Alexandria, Epistula ad episcopos Aegypti et Libyae
Old Slavonic Version and English Translation
Volume 261
Behind the Scenes of Medieval Roofs
An Overview of the Roofing Systems of Italian Churches
Volume 90
Cahiers de recherches médiévales et humanistes – Journal of Medieval and Humanistic Studies
Volume 51
Contesting Labeled Identities
The Sociology of Gentilics in Biblical and Northwest Semitic Literature
Cyril of Alexandria’s Christological Exegesis
Explorations of Partitive Exegesis in the Dialogues on the Trinity
Volume 70
Epiphanies of the Divine in the Septuagint and the New Testament
Fifth International Symposium of the Corpus Judaeo-Hellenisticum Novi Testamenti (CJHNT), 14-17 May 2015, Nottingham
Extracanonical Traditions and the Holy Land
Texts, Rituals, and Material Culture in Late Antique Palestine
From Joseph to Jesus
The Joseph Narrative as a Compositional Template from Old Greek Esther to the Gospel of Luke
Volume 125
