Schicksal – Zufall – Willensfreiheit
Kontingenz im Trojanerkrieg Konrads von Würzburg
By (author) Isabella Managò
Hardback (Published)
(October 2021)
ISBN: 9783752000245
6.69 x 9.49 inches
Price: $132.00
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The tale of the fall of Troy is – and was already in the Middle Ages – a popular and oft-told story, and the tragic end of the war between Greeks and Trojans can be considered anchored in cultural memory. In his 13th century novel, however, Konrad von Würzburg repeatedly tells this story in a way that is open to the future, for example by having Fortuna steer the fate of characters in initially unexpected directions or by having protagonists weigh up important decisions in long monologues. This exciting form of literary reflection on the uncertainty of the future (or contingency) is the subject of this study on the Trojan War.
“Immer wenn der Mensch anfangt, seine Zukunft zu planen, fallt im Hintergrund das Schicksal lachend vom Stuhl.” Dieser Satz, der als Redensart in unseren taglichen Sprachgebrauch eingegangen ist und sich auf zahlreichen Postkarten findet, illustriert das Bewusstsein daruber, dass die Zukunft offen ist und sich nur begrenzt planen und beeinflussen lasst. Das Nachdenken uber diese menschliche Grunderfahrung ist von einer bemerkenswerten kulturellen und historischen Konstanz. Von den Texten Homers und der griechischen und romischen Philosophie und Literatur, uber die Kirchenvater und mittelalterlichen Dichter bis heute, wird in Texten und anderen Medien immer wieder reflektiert, welchen Einfluss Menschen auf ihre Zukunft haben und wie Schicksalsschlage oder Zufalle das Leben beeinflussen. Wie wir die Umstande bewerten, ob das Erlebte als Gluck oder Ungluck empfunden wird, hangt dabei stets von jeweiligen Perspektiven und Kontexten ab. In der Geschichte vom Trojanischen Krieg wird dem Schicksal traditionell eine wichtige Rolle beigemessen, aber auch die Figuren konnen das Geschehen durch ihre Entscheidungen aktiv beeinflussen. Der antike Mythos wirft damit die grundlegende Frage nach der Vereinbarkeit von Schicksalsfugung und menschlicher Handlungsmacht auf. Fest steht zwar immer, wie die Geschichte fur die Trojaner endet: Mit dem Tod ihrer Krieger und der Zerstorung der Stadt. Die Faktoren, die dazu fuhren, sind jedoch vielfaltig und werden besonders bei Konrad von Wurzburg farbenfroh und detailliert beschrieben und erwecken dadurch in der Erzahlung immer wieder den Eindruck, dass die Geschichte offen ist. Immer wieder kommt es vor, dass der Erzahler kommentiert, die Geschichte hatte einen anderen Verlauf genommen, wenn hier nicht das Schicksal eingegriffen hatte oder dort eine Entscheidung anders ausgefallen wareIndem auf diese Weise uber mogliche Zukunftsoptionen spekuliert wird oder vermeintliche Alternativen der Handlung geboten werden, lotet der Erzahler immer wieder die Grenzbereiche des stofflichen Telos aus. Zwei Darstellungsweisen tragen dabei im Trojanerkrieg besonders zur Vermittlung von Offenheit und Zukunftsungewissheit bei. Zum einen werden immer wieder langwierige Prozesse der Entscheidungsfindung verschiedener Figuren beschrieben, zum anderen Situationen, in denen Zufalle oder eine gottliche Macht das Geschehen bestimmen. Die Rezipierenden werden dadurch – so eine zentrale These dieser Arbeit – mit Zukunftsoffenheit und mit dem Unvorhergesehenen, der Kontingenz, konfrontiert und die Spannung zwischen Erwartung und Erfahrung bleibt selbst in einer Geschichte, in der sowohl der Plot als auch die Handlungen der Figuren als bekannt vorauszusetzen sind, erhalten. Dadurch wird an Erzahltraditionen festgehalten, wahrend zugleich Zukunftsungewissheit bzw. Kontingenz evoziert wird. Providenz erscheint also immer wieder im Lichte der Kontingenz. Einen wichtigen kulturgeschichtlichen Kontext bildet die mittelalterliche Vorstellung, dass alle Menschen einen freien Willen haben, wahrend gleichzeitig unbeeinflussbare Faktoren wie der gottliche Wille und der Zufall (haufig im Zusammenhang mit der Minne) das Geschehen lenken konnen. Das Erzahlen von Kontingenz dient dabei sowohl fur die Figuren als auch fur die Rezipierenden zur Reflexion uber verschiedene Moglichkeiten des Zukunftigen. Obgleich davon auszugehen ist, dass die Rezipierenden wissen, was am Ende eintreten wird, liefern die Passagen, die eine offene Zukunft postulieren, die notwendige Folie, vor der die Bedeutung des ‘wirklichen’/historischen Geschehens reflektiert und erkannt werden kann. Zugleich ermoglichen sie den Rezipierenden, sich ihres eigenen Standpunkts in der Geschichte bewusst zu werden. Dabei kann je nach Standort der Betrachtenden ein Ereignis stets als kontingent oder notwendig erscheinen: Fur die Figuren der Erzahlung ist es kontingent, fur die Rezipierenden (und teilweise auch den Erzahler) erscheint es notwendig. Ebenso verhalt es sich mit der Einschatzung einer Situation. Wahrend die Figuren beispielsweise annehmen, dass sie Gluck haben, beurteilt der Erzahler, dass es sich eigentlich um Ungluck handelt oder umgekehrt. Nicht zuletzt dieser Perspektivenreichtum, den der ‘Trojanerkrieg’ zahlreich entfaltet und den das vorliegende Buch untersucht, zeugt von hohem literarischem Reflexionsniveau und ermoglicht den Rezipierenden, den Zusammenhang zwischen Moglichkeit und Notwendigkeit und die Erfahrungshaftigkeit von Geschichte zu uberdenken.
Isabella Managò<br/>2008 – 2009 Studentin am Leibniz-Kolleg in Tübingen (Studium Generale)<br/>2009 – 2015 Studium an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg: Latein, Germanistik, Geschichte<br/>(Staatsexamen in den Fächern Germanistik und Geschichte)<br/>Zulassungsarbeit bei Prof. Dr. Ludger Lieb zu dem Thema: ‚Textimmanente Bauminschriften von der Antike bis zur Barockzeit‘<br/>2016-2020 Promotion zum Thema ‚Kontingenz im Trojanerkrieg Konrads von Würzburg‘. <br/>Betreuung: Prof. Dr. Tobias Bulang (Heidelberg) und Prof. Dr. Regina Toepfer (Würzburg)<br/>01.04.16 – 01.12.17 Wissenschaftliche Mitarbeiterin bei Prof. Dr. Tobias Bulang im Editions- und Kommentarprojekt zu Johann Fischarts Übertragung von Jean Bodins Daemonomania Magorum <br/>01.07.16 – 30.09.19 Assoziiertes Mitglied des literaturwissenschaftlichen Promotionskollegs ‚Was ist Tradition? Zu Genese, Dynamik und Kritik von Überlieferungskonzepten in den westeuropäischen Literaturen‘<br/>01.09.17 – 30.9.20 Promotionsstipendiatin der Landesgraduiertenförderung Baden-Württemberg<br/>seit 01.10.20 Wissenschaftliche Mitarbeiterin (Post-Doc) bei Prof. Dr. Julia Zimmermann an der Karl-Franzens-Universität Graz <br/>
- By (author) Isabella Managò
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