Die Evangelienharmonie Tatian

Studien zum Codex Sangallensis 56

By (author) Gerald Kapfhammer

Book cover: Die Evangelienharmonie Tatian

Extent: 304 pages

Publisher: Dr. Ludwig Reichert Verlag

Subjects: Biblical Studies, Medieval Studies

Series: Imagines Medii Aevi. Interdisziplinäre Beiträge zur Mittelalterforschung

Series volume number: 37.0

Language: German

Hardback (Published)

(February 2016)

ISBN: 9783954901470

Price: $177.00

In stock

PDF (Published)

(January 2016)

ISBN: 9783954908318

Price: $148.00

Die St. Galler Handschrift 56 stellt in mehrfacher Hinsicht eine Besonderheit dar: Sie überliefert mit der harmonisierten Form der vier kanonischen Evangelien einen Text zum Leben Jesu, den es aus theologischer Sicht so gar nicht geben dürfte, und präsentiert diesen zugleich in einer aufwendig gestalteten lateinisch-althochdeutschen Bilingue. Die vorliegende Arbeit unternimmt eine Neubewertung der Konzeption dieser Handschrift, indem überlieferungsgeschichtliche, kodikologische und sprachwissenschaftliche Aspekte mit einer eingehenden Analyse zur Erzählweise der Harmonie verbunden werden.<br/>


Die Handschrift 56 der Stiftsbibliothek St. Gallen aus dem 9. Jahrhundert enthalt mit dem sogenannten Althochdeutschen Tatian eine nach ihrem angenommenen Verfasser benannte Harmonie der vier getrennten Evangelien in einer lateinischen und einer althochdeutschen Fassung. Sowohl die Textgattung als auch die Darbietung des Textes in einer Bilingue stellen eine Besonderheit dar. Wahrend die vier kanonischen Evangelien Leben, Tod und Auferstehung Jesu aus einer je eigenen Perspektive darstellen und dadurch eigene Akzentuierungen aufweisen, versucht die Gattung Evangelienharmonie die vier getrennten Evangelien zu einem einheitlichen, wenn moglich widerspruchsfreien Text zu verbinden. Wahrend im 2. Jahrhundert, also zur Entstehungszeit des Tatian, dieses Bemuhen in den Diskurs um die Glaubwurdigkeit der christlichen Kirche verortet werden kann, ist dies fur das 9. Jahrhundert, zu einer Zeit als die Debatten um die Kanonizitat der Evangelien langst abgeschlossen sind, kaum mehr moglich. Insofern bleibt die Frage, worin das spezifische Interesse bestand, diesen Text nach der Vorlage des Codex Bonifatianus 1 (Hochschul- und Landesbibliothek Fulda) in praziser Weise zu kopieren und mit einer althochdeutschen Ubersetzung zu versehen. Bislang findetsich in der altgermanistischen Literaturgeschichtsschreibung vorzugsweise das Argument, dass die Harmonie mit ihrer vermeintlich einfacheren Darstellungsweise eine besonders gut geeignete Textgattung fur die Katechese sei, wobei die althochdeutsche Ubersetzung zugleich die Brucke fur den nicht lateinisch gebildeten Leser leisten sollte. In der hier vorgenommenen Untersuchung der Handschrift wird diese Zuschreibung hinterfragt. Dabei wird die Handschrift aus unterschiedlichen Blickwinkeln untersucht. Der Titel “Studien zum Tatian” spiegelt dies insofern wider, da bislang eher nebeneinander behandelte Aspekte wie Uberlieferungsgeschichte, kodikologische Aspekte, Ubersetzungsweise und die Art der Erzahlung miteinander verbunden werden. Hierbei zeigt sich, dass die Handschrift nicht nur ein ausserst anspruchsvolles Produkt karolingischer Schriftkultur ist, sondern zugleich einen Text bietet, der alles andere als einfach ist: In der spezifischen Kombinatorik und Anordnung von Textpassagen zeigt die Harmonie einen durchdachten Aufbau mit einer bewusst gesetzten theologischen Akzentuierung. Darauf scheint die Ubersetzung zu reagieren, zudem zeigt sie sich bei aller Gebundenheit an das Lateinische an zahlreichen Stellen durchaus eigenstandig und frei. Bei der Betrachtung dieser Ergebnisse entzieht sich die St. Galler Tatianbilingue daher einer einfachen Zweckbestimmung; ihr Sinn liegt moglicherweise darin, dass hier Formen und Ausdrucksweisen in experimenteller Weise gesucht wurden.

  • By (author) Gerald Kapfhammer

„In Summa bleibt [...] festzuhalten, dass hier eine gwissenhaft gefertigte und vor allem gut lesbare Arbeit völlig zu Recht ihren würdigen Platz in der Tatianforschung einnehmen wird. Mit seinem traditionellen und und handschriftennahen Ansatz tritt Kapfhammer wie Tatian selbst in gewisser Weise als Kompilator auf, denn auch dort, wo es der Arbeit an Innovationsbestreben und neuen Perspektiven fehlt, fügt er in kohärenter und überzeugender Manier prominente Lehrmeinungen und auch so manche vernachlässigte periphere Fragestellung sinnstiftend zusammen, mehr beschreibend als ermittelnd, wodurch aber dem Leser ein in sich stimmiges Bild der Evangelienharmonie mit all ihren Schwächen und Stärken gezeichnet wird.“<br/><br/>Von: Fabian Fleißner<br/>In: Beiträge zur Geschichte der Deutschen Sprache und Literatur, 139 (2017), Heft 4, S. 609-613.<br/>----------------------------------------------<br/>„Die [...] eindrucksvolle, ertragreiche, sorgfältig gearbeitete und mit einem umfangreichen Literaturverzeichnis und synoptischen Tabellen schließende Arbeit wurde vom Verlag sehr solide und hochwertig ausgestattet. Sie liest sich stellenweise wie eine Summa der Tatian-Forschung. Dass sie konsequent den Versuch unternimmt, die frühe deutsche Literatur nicht nur als Materialfundus für sprachhistorische Erkundungen zu benutzen, sondern diesen tastenden Versuch volkssprachlicher Schriftlichkeit eine - wenn auch primär katechetisch motivierte - gestalterische und erzählerische Ambition zuzutrauen und dies auch am Text nachzuweisen, ist unbestreitbar ihr größtes Verdients.“<br/><br/>Von: Heiko Hartmann (HTWK Leipzig)<br/><br/>In: Mediaevistik 29 (2016), S. 409-411.