Diversitat – Toleranz – Inklusion
edited by Matthias Spenn
Inklusion wird bereits seit einiger Zeit in unterschiedlichen Bildungsbereichen, vor allem in der Schulpadagogik und in Bezug auf die fruhe Bildung in Tageseinrichtungen fur Kinder diskutiert. Thematisiert wurde sie zuerst vor allem im Blick auf Forderpadagogik bzw. auf Kinder und Jugendliche mit besonderem Forderbedarf: Welche Begrundungen gibt es dafur, bestimmte Menschen in gesonderten Einrichtungen zu betreuen, zu erziehen und zu bilden? Und wer definiert mit welchem Recht und mit welchen Interessen solche Unterscheidungen und bestimmt, welcher Mensch wohin gehort? Insbesondere am Schulsystem mit seinen vielfaltigen Untergliederungen kann gezeigt werden, wie Entscheidungen daruber, welche Bildungseinrichtung besucht wird, lebenslang wirken – fur die einzelnen Lebenslaufe ebenso wie fur die Aufgliederung der Gesellschaft in Interessengruppen, soziale Schichten und Milieus. Nicht zuletzt in den Kirchen spiegelt sich diese Sortierung wider. Der bisherige Ansatz der Integration ist deshalb in die Kritik geraten. Denn Integration bedeutet, dass da jemand jemanden als anders Definierten in ein vorgegebenes System eingliedert. Das eingliedernde System muss sich nicht andern, vom Eingegliederten wird oft stillschweigend oder ganz offen Anpassung erwartet. Ein gutes Beispiel dafur sind die klassischen Erwartungen an Menschen mit Migrationshintergrund, sich in den Wertekanon einer sogenannten Mehrheitsgesellschaft einzupassen. Inklusion geht stattdessen von einem Ko-Konstruktionsprozess aus. Zusammenleben unterschiedlicher Menschen wirkt sich auf jeden und jede in je individueller Weise und damit auch auf die umgebenden (sozialen) Systeme aus. Inklusion erfordert damit aber einen grundlegend anderen Zugang zu Menschen und sozialen Realitaten. Inklusion ist inzwischen ein politisches Programm geworden. Das ist nicht nur eine gute Situation, denn es birgt die Gefahr in sich, dass politische Programmatik zu hohlen Schlagwortern verkommt, ja die gute Absicht, wenn sie nicht inhaltlich gefullt wird, schnell subversiv unterwandert wird durch die Beharrungen ublicher Praxisroutinen. Und in der Tat hat auch der Inklusionsbegriff Problematiken, weil auch er schnell normativ uberhoht wird und eine Floskel bleibt. In der Fachdebatte ist deshalb der Begriff der Unterschiedlichkeit (Diversity) eigentlich tauglicher. Die angenommene und jeweils individuell und sozial gedeutete Wirklichkeit ist nicht einheitlich, einfarbig, eintonig, generell …, sondern bunt, unterschiedlich, je eigen, individuell, situativ, konkret. Und die Bedingungen fur Praxisvollzuge sind komplex, anstatt monokausal zu erklaren und direktiv zu lenken. Unterschiedlichkeit braucht Wahrnehmung, Deutung und Gestaltung (Diversity-Management). Unser Titelbild weist darauf hin: Ab dem Moment, da die Wirklichkeit nicht mehr unter der Einheitsbrille gesehen wird, zeigt sich auch die eigene Wirklichkeit (in diesem Fall der eigene Fussabdruck) bunt, vielfaltig, komplex … Das hat tiefgreifende Konsequenzen auch fur die evangelische Kirche, nicht zuletzt im Blick auf die in Mode gekommene Suche nach dem evangelischen Profil. Es kann – inklusiv gedacht – nicht darin bestehen, ein Einheitsbild zu entwerfen, sondern nur darin, Unterschiedlichkeit zu gestalten und zugleich nach Gemeinsamem zu fragen und zu suchen. Die Beitrage in dieser Ausgabe zeigen solche Dimensionen: Sie beschreiten Wege durch die Praxis und Theorie und stellen fest, dass vielleicht gerade das Bewusstwerden der Vielfalt neue Perspektiven eroffnet, anstatt dass sie vorrangig als Gefahr und Bedrohung gesehen wird. Dass dabei einige Gewissheiten und Vorannahmen zur Disposition stehen, zeigen unter anderem Einblicke in die Auseinandersetzung um biblische Grundlagen oder die Fragen nach kunftigen Berufsprofilen und Anstellungsbedingungen.
~GER~- Zugange Matthias Spenn: VorwortPetra Muller : Mache dich auf ...Annebelle Pithan: Inklusion und inklusive BildungRainer Moller: Mit dem Index fur Inklusion gemeindepadagogische Entwicklungsprozesse anstossen- Praxisfelder Matthias Rohm: Leichte Sprache als Herausforderung fur die gemeindepadagogische PraxisRolf Sanger-Diestelmeier: Muslimische Erzieherin in der evangelischen KiTa?Inklusive Padagogik in der religiosen PluralitatUlrike Urner: Inklusive KonfirmandenarbeitKerstin Weber-Spethmann: Inklusion mit Nadel und FadenMargrit Wegner: After-Work-TheologieGlaubensgesprache in der KneipeAndrea Volkner: Schwarz hat viele FacettenEine Annaherung an die Schwarze SzeneStefan Schmidt: Gemeindehauser, Raume der kirchlichen Gemeinschaft, fur vielfaltige Aktivitaten und multifunktionalJorg Stoffregen: Vielfalt er-lebenUnterschiedlichkeit der Lebenslagen und Inklusion in der kirchlichen Praxis- HintergrundeMartin Huneburg: Joh 14,6 - Eine intolerante Anmassung?Dieter Lotz: UnterscheidungenAnthropologische Skizzen zu etwas UnabdingbaremMatthias Rohm: Kommt zu mir alle, die ihr muhselig und beladen seid[Glosse]Ina Schonberger: Neue Kompetenzen fur ein neues Konzept!?Gemeindepadagogen als Diversity-ManagerRenate Kirchhoff: Diversity-Kompetenz fordern als Aufgabe des Studiums der Religionspadagogik/Gemeindediakonie an der EH FreiburgBeate Hofmann: Wer bin ich und wenn ja, wie viele fur wen?Uber die Diversitat im Kleiderschrank [Glosse]Herbert Lindner: Konziliaritat - ein Beziehungskonzept fur die Volkskirche- PraxisentwurfeAntje Lanzendorf: Ein Weg fur die QuelleAdventsaktion fur eine bessere Wasserversorgung im Hochland von Papua-NeuguineaBarbara Riek: Solidaritat lernen? oder: Vom Lernen zur SolidaritatUnterschiede gestalten in globaler PerspektiveStephan Philipp: Schulgottesdienst feiernZu einer Orientierungshilfe der Liturgischen Konferenz- MaterialienPetra Muller: Buchtipps fur die gemeindepadagogische Praxis- Ehrenamt begleitenEdith Holl: Ehrenamtliche: ein ungehobener SchatzPraktisch-strategische Ideen zur Gewinnung Ehrenamtlicher 63- Jahresthema Reformation und ToleranzNikola Schmutzler: Reformation und Toleranz - Luthers Umgang mit seinen Gegnern- Gemeindepadagogisches ForumGotz Doye: Als okumenische Lerngemeinschaft unterwegs?11. Symposium des Arbeitskreis Gemeindepadagogik e. V.
- Edited by Matthias Spenn
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