Kriegsbegeisterung und mentale Kriegsvorbereitung.
Interdisziplinäre Studien.
Edited by Marcel van der Linden Edited by Gottfried Mergner Other primary creator Herman de Lange
Paperback (Published)
(October 1991)
ISBN: 9783428071302
6.18 x 9.17 inches
Price: $139.00
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Krieg bedeutet die Totalisierung aller Schrecken, die sich die Menschen zur Vernichtung, Erniedrigung und Qual füreinander ausgedacht haben. – Und dafür sollten sich “Menschen-Massen” begeistern können? Immer wieder haben sich Gelehrte über eine mögliche “Kriegsbegeisterung” der Bevölkerung gewundert und spekulative Theorien zu ihrer Erklärung gefunden. Doch bei näherem Hinsehen zeigt sich die mentale Integration der Bevölkerungen in das jeweilige historische Kriegsgeschehen, gar die generelle Begeisterung der Bevölkerung für den Krieg, als ein äußerst kompliziertes Phänomen mit vielen übersehenen Ausnahmen, Widersprüchen und Ambivalenzen.
Zu Beginn der Aufklärung – im 17. Jahrhundert – breitete sich unter den Wissenschaftlern Skepsis gegenüber dem Massenwahn, der religiösen Begeisterung und dem Fanatismus des niedrigen Volkes aus. Später sollten die staatstreuen Intellektuellen zu unterscheiden lernen zwischen der “edlen Begeisterung” des Volkes, sich für die Ideale der Nation, des “gemeinsamen Vaterlandes”, aufzuopfern und den “niedrigen, selbstsüchtigen Instinkten der Massen”. Die Spannung zwischen dem “edlen Volk” und der angsterregenden “Unberechenbarkeit und Selbstsucht der Massen” beherrscht bis heute den Diskurs der politisch Interessierten in den Industriegesellschaften. Auch die wissenschaftlichen Kriegsgegner und die Kriegsbefürworter haben in dieser Dichotomie gedacht. Die Angst vor der “verführbaren Masse” machte oft blind für die geschichtliche Wirklichkeit der mentalen Einstellungen der Bevölkerung zu und in der jeweiligen Kriegssituation.
Das moderne Kriegsgeschehen umfaßt die ganze Gesellschaft, doch führte dies selten zu einer Vereinheitlichung der mentalen Einstellung der Gesamtbevölkerung zum Krieg. Was als allgemeine Kriegsbegeisterung identifiziert worden ist, war oft nur das Produkt der Propaganda kleiner, wenn auch einflußreicher Eliten oder das Ergebnis des Wunschdenkens der Kriegspropagandisten. Die Einheit und Einigkeit der Bevölkerung war meistens nur die Folge wirksamer Unterdrückung des Widerstandes oder das Resultat einer weit verbreiteten politischen Resignation. Wenn die Forschung den vielfältigen Erscheinungsformen wirklicher historischer “Kriegsbegeisterung” nachgeht, verliert sie leicht ihren Gegenstand. Die breite Palette der Ausnahmen, Besonderheiten und Widersprüche verwirrt und macht Globalurteile unzulässig.
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