Der Holocaust in den Zeugnissen griechischer Jüdinnen und Juden.
By (author) Tullia Santin
Paperback (Published)
(March 2003)
ISBN: 9783428107223
6.18 x 9.17 inches
Price: $51.00
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Vor dem Zweiten Weltkrieg lebten 70.000 Jüdinnen und Juden in Griechenland. Rund 46.000 wurden in Konzentrationslager deportiert. Wie bildete sich im Wandel der Zeit ihre Identität zwischen den beiden Polen “griechisch” und “jüdisch” heraus? Welche Faktoren erhöhten oder verringerten die Überlebenschancen während der Lagerhaft? Wie nahmen die Opfer die Täter wahr?
Gestützt auf internationale Holocaustliteratur untersucht Tullia Santin insgesamt zwanzig autobiographische Texte griechischer Jüdinnen und Juden. Unter Berücksichtigung psychologischer und historischer Besonderheiten erforscht die Autorin in der vorliegenden literaturwissenschaftlichen Studie, wie die Opfer ihre Verfolgung während des Holocaust erlebt und für sich verarbeitet haben. Hinsichtlich ihrer griechisch-jüdischen Identität weicht ein zunächst häufig geäußertes Gefühl der Fremdartigkeit gegenüber der christlichen Bevölkerung schließlich einem erstarkenden Nationalbewußtsein. Die Bindung an Griechenland wirkt identitätsstiftend und gewährt trotz des nicht nur latent vorhandenen Antisemitismus’ Daseinsberechtigung. Auch im Konzentrationslager werden strukturelle Faktoren, insbesondere die Nationalität, von den Häftlingen als Determinanten des Lebens oder Sterbens empfunden. Nationalstolz auf die Beteiligung ihrer Landsleute am Aufstand des Sonderkommandos von Auschwitz stärkt die Selbstachtung und fördert den Überlebenswillen. Bei der Untersuchung der Täterbilder, die die griechischen Jüdinnen und Juden entwickelten, läßt sich eine überraschende Verlagerung der Schuld ausmachen, durch die die tatsächlichen Aggressoren entlastet werden. Die Überzeugung, aufgrund fortgeschrittener Assimilation keiner Gefahr ausgesetzt zu sein, erweist sich als einer der Gründe für die Vertrauensseligkeit der jüdischen Bevölkerung gegenüber den Deutschen. Die enge Lokalbindung der Verfolgten und die mühsam erworbene Identifikation mit der Heimat wirken nun wie ein Bumerang, der Fluchten verhindert.
Santin kommt zu dem Schluß, daß für das (Über-)Leben griechischer Jüdinnen und Juden während des Holocaust das Herkunftsland eine unerwartet große Rolle spielte und daß ihre Nationalität sowie ihre Heimatverbundenheit maßgeblich ihr Denken und Handeln in Zeiten der Verfolgung und Haft beeinflußten. Diese sich im Verlauf der gut lesbaren Untersuchung stets aufs neue bestätigende Feststellung zieht sich wie ein roter Faden durch die Texte.
Tullia Santin, geb. 1966, studierte Neugriechische Philologie, Germanistik und Wirtschaftswissenschaften in Bochum, Thessaloniki und Berlin. Sie war als Lehrbeauftragte der Ruhr-Universität Bochum tätig und arbeitet heute in einem namhaften Publikumsverlag Deutschlands.
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