Exkurse im höfischen Roman
By (author) Sandra Linden
Hardback (Published)
(December 2017)
ISBN: 9783954902330
6.1 x 9.06 inches
Price: $179.00
In stock
If one takes the term digression literally, it is a deviation from the regular course of the narrative, and in fact the digression is centrally determined by its quality of difference: In the courtly novel, it suspends the order of narration and allows the narrator to adopt an alternative speech posture, in which he usually addresses his audience directly with various topics. The study is initially aimed at a specialist medievalist audience, but also serves a broader interest in the development of the vernacular novel and its narrator figure.
Ein Exkurs ist, wenn man den Begriff wortlich nimmt, eine Abschweifung, ein Abweichen vom regularen Cursus der Erzahlung. Im Exkurs nimmt der Erzahler eine alternative Sprechhaltung an, in der er – meist in direkter Ansprache an sein Publikum – uber Themen reflektiert, die von der Erzahlung angeregt werden. Als eine generische Transgression, als ein Uberschreiten des romanhaften Erzahlens hin zur alternativen Aussageform der Reflexion ist der Exkurs in jedem – auch ausserliterarischen – narrativen Sprechen mit einer ausgewiesenen Erzahlerposition angelegt. Im volkssprachigen Roman des Mittelalters ist der Exkurs seit seiner anfanglichen Verwendung bei Chretien de Troyes ein zentrales Mittel der erzahlerischen Gestaltung und tragt als Transgression des Narrativen in die Reflexion elementar zur literarischen Sinnbildung bei. Im Modus des Wiedererzahlens wird der Exkurs zunachst als regelpoetisches Verfahren einer dilatatio materiae der franzosischen Vorlage eingesetzt, entwickelt sich aber schnell zu einer elaborierten Darstellungsform. Vor allem im deutschsprachigen Raum wird der Exkurs seit Hartmann von Aue zu einer literarische Mode, die von den hochhofischen Autoren um 1200 anregungsreich fortgeschrieben wird und sich um 1300 schliesslich einem experimentierenden Umgang offnet, als die Gattung des hofischen Versromans mit den Minne- und Aventiureromanen noch einmal aufbluht, um dann zu enden. Wahrend die Forschung die Exkurse bislang ausschliesslich in Einzelwerkinterpretationen analysiert hat, nimmt diese Studie in einer Typologie der Exkurse eine das Einzelwerk ubersteigende Perspektive ein. Sie weist den Exkurs in der Zusammenschau mehrerer Romane, die uber drei Zeitschnitte organisiert sind, als eigenes literarisches Register aus und versucht, ihn in seinem Funktionieren und seiner diskursiven Qualitat herauszustellen. Die Exkurse etablieren als Inseln der Reflexion ein vertieftes Nachdenken uber die erzahlte Handlung und werden gezielt als Modus eines reflektierenden Sprechens, als ein spezifischer Habitus des Erzahlers eingesetzt. Im Laufe der Gattungsgeschichte des hofischen Romans pragen sich inhaltliche Konventionen und Stilmerkmale des Exkurses aus, die die vorliegende Studie exemplarisch analysiert und zu einer Poetik des Exkurses im hofischen Roman verdichtet. Es zeigt sich, dass der Exkurs in einem artistisch kompetenten hofischen Erzahlen ein zentrales Register darstellt, das eine eigene literarische Tradition entwickelt und den hofischen Roman zur Reflexion offnet.
- By (author) Sandra Linden
„Sandra Lindens außerordentlich umfangreiche, mehr als 600 Seiten umfassende Habilitationsschrift ist das Ergebnis langer und sorgfältiger Arbeit, und diese Sorgfalt und Mühe merkt man dem Buch in sehr positivem Sinne deutlich an. Der Band ist in zwei Teile untergliedert: am Anfang stehen umfangreiche Überlegungen zum Exkurs aus theoretischer Perspektive, angeschlossen wird ein Analyseteil, der auf fast 500 Seiten nicht weniger als sechs Romane und ihre Exkurse abhandelt. (...) Insgesamt bietet Sandra Lindens Habilitationsschrift eine ausgewogene, umsichtige Analyse der Exkurse im mittelhochdeutschen Roman. Das Buch offeriert wichtige neue Deutungsansätze, die narratologisch, rezeptionsästhetisch, wissensgeschichtlich und mit Blick auf die Emotionstheorie weiter fruchtbar gemacht werden können. Das macht die Arbeit zu einer wichtigen Grundlage zukünftiger Forschung: Wer auf der Höhe der Zeit, der Methodologie und der mediävistischen Kenntnis über den Exkurs im Roman handeln will, kommt an Lindens Arbeit als Standardwerk nicht vorbei.“<br/><br/>Von Stefan Seeber<br/>In: <a target="_blank" href="https://literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=24635">https://literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=24635</a>
—
Other Titles in this Series
Giovanni Boccaccios ,De casibus virorum illustrium’ in Deutschland
Studien zur Überlieferung und Rezeption eines frühhumanistischen Werkes im 15. und 16. Jahrhundert
Geistliche Lesespiele
Exemplarische Lektüren mittelalterlicher Passions- und Weihnachtsspiele im Kontext ihrer Überlieferung
Amicus und Amelius im europäischen Mittelalter
Erzählen von Freundschaft im Kontext der Roland-Tradition. Texte und Untersuchungen
Die ,Bayerische Chronik‘ des Ulrich Fuetrer
Überlieferung – Textgenese – Produktions- und Wirkungsstrategie
Similar Books
A Late Antique Harrowing of Hell and Its Medieval Reception
Eusebius of Alexandria's Sermons 15 and 17 (CPG 5524; 5526) and their Latin Rewritings
Volume 99
Behind the Scenes of Medieval Roofs
An Overview of the Roofing Systems of Italian Churches
Volume 90
Innovation and Medieval Communities
The Circulation of Ideas and Practices in and out of the Town (1200-1500)
Volume 63
Linguistic and Cultural Dynamics in a Frontier Society
New Perspectives on Northeastern Bavaria and Western Bohemia in the Early Middle Ages
Volume 9
Medieval Debates on Foreknowledge: Future Contingents, Prophecy, and Divination
Acts of the XXVII Annual Colloquium of the SIEPM, Trento 12-15 September 2023
Volume 31
Medieval Yeghegis, Armenia
History, Archaeology, Society. Local Multiplicities and Global Connections of a Rural Centre on the Silk Road(s)
Power and Women in Southeast and Central Europe in Late Medieval and Early Modern Period (1300-1600)
Volume 10
The Documentation of Historical Facts in Trial Judgments of the International Criminal Court
A Constitutional Theory of International Criminal Proceedings
Volume 66
