Anekdotenalmanach auf das Jahr 1815.
Edited by Karl Müchler
Paperback (Published)
(January 2015)
ISBN: 9783428174744
4.61 x 6.02 inches
Price: $73.00
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Napoleon Bonaparte geht in die Verbannung auf St. Helena. Europa wird neu geordnet. Und Otto von Bismarck erblickt das Licht der Welt. – 1815 gilt als ein politisches Schicksalsjahr. Der Schriftsteller, Polizeidirektor und Pädagogensohn Karl Müchler hat auch für dieses Kalenderjahr wieder 365 frohsinnige Anekdoten gesammelt, die er als Almanach bei Duncker & Humblot publiziert.
Humor mit 200jähriger Geschichte.
»Unterhaltungsschriftsteller, * 2.9.1763 Stargard (Pommern), † 12.1.1857 Berlin.
Seine Kindheit verbrachte M. zunächst in Stargard, seit 1773 in Berlin, wo er auch Jura studierte. Seit 1783 hatte er verschiedene Verwaltungsposten inne, wurde 1794 zum Kriegsrat ernannt, verlor aber 1806 nach der Niederlage Preußens seine Stellung. 1814 kehrte er noch einmal als Polizeidirektor beim Generalgouvernement in Dresden (1815 in Merseburg) in den preuß. Staatsdienst zurück. Sein Pamphlet ›Rechtfertigung des aus königl. Sächs, in Preuss. Dienste übergetretenen Rathes N.‹ (1815, Abdr. b. Czygan) führte Ende 1815 zu seiner Entlassung, denn hier hatte ein preuß. Beamter anonym eine offensichtlich prosächsische Schrift verfaßt, um die in den preuß. Staatsdienst (Hzgt. Sachsen) übergetretenen sächs. Beamten als politisch unzuverlässig erscheinen zu lassen. Diese publizistische Intrige, welche Hardenbergs Bemühungen unterlief, die neugewonnenen Untertanen zu integrieren, blieb als Akt der politischen Meinungsmanipulation unverstanden. Man stellte sie als Folge einer ›früheren Geisteszerrüttung‹ hin (›Das gesamte Ministerium an den König‹, 25.2.1816). Nach diesem Desaster widmete sich M. nur noch unpolitischer Schriftstellerei. ›Das gelehrte Berlin‹ von 1825 bzw. 1845 nennt ihn als Autor oder Herausgeber von über 100 Titeln. Vom Zaren erhielt er seit November 1814 bis zu seinem Tod eine jährliche Pension von 100 Dukaten.
M. gehört zum Typus des freien Schriftstellers, der den sich etablierenden Verwaltungsstaat wie den literarischen Markt zum eigenen Vorteil zu nutzen suchte. Mit sicherem Gespür für den sich abzeichnenden Strukturwandel – in der ›Rechtfertigung‹ bezeichnete er selbstbewußt die Staatsbeamten und nicht den Adel als die gesellschaftlich führende Macht – stellte er sich vor seiner Entlassung freiwillig als politischer Publizist in den Dienst Preußens, lange bevor dieses selbst die Möglichkeit öffentlicher Meinungsbildung nutzte. Seine Schrift ›Ueber Volks-Despotismus‹ (1793), seine patriotische Lyrik (›Gedichte, niedergelegt auf dem Altar des Vaterlandes‹, 1813), darunter das verbreitete Gedicht ›Der Eroberer‹ (›Mag die Welt in thörigtem Erstaunen‹, 1806), und nicht zuletzt die geschickt die Wende in der preuß. Frankreichpolitik mitvollziehende Zeitschrift ›Das erwachte Europa‹ (1814) belegen seinen preuß. Patriotismus, aber auch sein Festhalten an der absolutistischen Staatsordnung.
Als Literat orientierte sich M. ganz an den wachsenden Anforderungen des literarischen Marktes. Dem Bemühen der Spätaufklärer um das weibliche Publikum schloß er sich noch während seines Studiums an (›Taschenbuch für Frauenzimmer‹, 1779–84). Das Interesse an didaktischer Literatur für die Jugend während der Biedermeierzeit befriedigte er mit zahlreichen Erzählungen, Märchen und Parabeln (u.a. ›Sittenbilder in Fabeln und Erzählungen für die Jugend‹, 1829). Er popularisierte die literarischen Standards der jeweiligen Epoche, wobei er sich ganz auf ein Publikum fixierte, das von Literatur kaum mehr als Unterhaltung, Lebenshilfe und Brauchbarkeit im geselligen Umgang erwartete. Seinen Anekdotensammlungen (›Anekdotenalmanach‹, 35 Bde., 1808–13, 1815, 1817–45) lag der aufklärerische Impetus zugrunde, Menschenkunde durch wahre Geschichten zu vermitteln. Mit seinen volkspädagogisch ausgerichteten und empfindsam-erzählerisch aufbereiteten dokumentarischen Verbrecherporträts (›Criminal-Geschichten‹, 1792; ›Kriminalgeschichten, Ein Beitrag zur Erfahrungslehre‹, 1828–32) kam er einem aktuellen Interesse an psychologischen und sozialgeschichtlichen Erklärungen im Rahmen einer ›Erfahrungsseelenkunde‹, wie sie von C. Ph. Moritz und C. H. Spieß vertreten wurde, entgegen. Indem er mittels Anthologien europ. Literatur zum verfügbaren Bildungsbesitz aufbereitete, trivialisierte er den Bildungsbegriff der deutschen Klassik (›Vergißmeinnicht‹, 1808/09; ›Schatzkästlein für deutsche Jünglinge‹, 1818). Aufklärerischer wie biedermeierlicher Geselligkeitskultur stellte er Sammlungen mit Denksprüchen und Scherzen (›Scherzhafte Denksprüche, Zum Gebrauch für Stammbücher‹, 1817) bzw. mit Gedichten und dramatischen Szenen (›Zu Familienfesten‹, 1823) zur Verfügung. Trotz hoher Produktivität war M. bald ein vergessener Autor. Von seiner überwiegend an Anakreontik und Empfindsamkeit geschulten Lyrik (›Gedichte‹, 1782, 1786, 1802) hat nur das Trinklied ›Im kühlen Keller sitz ich hier‹ in Kommersbüchern überdauert.«
Weber, Ernst, in: Neue Deutsche Biographie 18 (1997), S. 261 f.
- Edited by Karl Müchler
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